Zu diesem Blog

veni vidi dixi
Ich kam, ich sah, ich sprach.

Der Reihe nach:

Ich kam als letzter Spross italienischer Einwanderer in einem Dorf in der Schweiz zur Welt, an einem See gelegen, mit Blick auf Berge, Wiesen, Wälder, alte Bauten und viel Himmel.
Ich sah unentwegt etwas, das meinen Blick bannte und in mir eine Art Bildarchiv mit unbegrenztem Raum fand, ob es nun als Totale, als Ausschnitt oder als Nahaufnahme abgelegt wurde. Mit zwanzig Jahren verließ ich das Dorf und entdeckte die Stadt – oder sie mich. Seither habe ich in verschiedenen Großstädten Europas gelebt, was den Strom der Bilder bis heute üppig speist und mein inneres Archiv konstant weiter ausbaut. Ich muss es schlicht zugeben, ich bin ein visueller Vielfraß.
Ich sprach schon als Kind für mein Leben gern, weil meine gesammelten Eindrücke ohne Unterlass drängten, benannt und geschildert zu werden, womit ich meiner Umwelt aber derart auf die Nerven ging, dass ich sehr bald schreibend einen Weg fand, schweigend zu sprechen, um nicht die unfreiwillige Isolierung von meinen Mitbürgern zu riskieren.

Im Übrigen scheint hier eine familiäre Disposition zu wirken, da mein Bruder, der als Informatiker arbeitet und nebenbei selber als unermüdlicher und inspirierter Motiv-Sucher mit seiner Kamera in den Straßen unterwegs ist, auf seiner Seite NeoDym.blog eigenen Gedanken zu den Entsprechungen von Schreiben und Fotografie nachgeht. An dieser Stelle möchte ich ihm ausdrücklich für seine sagenhafte Kompetenz, sein visuelles Formempfinden und seine brüderliche Geduld von Herzen danken! Ohne ihn wäre mein Blog wohl ein schöner Traum geblieben.

Nun zu den von mir gewählten Versformen. Das fünfzeilige Tanka mit der Silbenzahl 5 - 7 - 5 - 7 - 7 und das dreizeilige Haiku mit den Takten 5 - 7 - 5, beide reimlos, sind die klassischen Vertreter der japanischen Lyrik und gehen zurück bis zum 8., bzw. 14. Jahrhundert. Seit jeher dem ganzen Volk zugänglich und noch heute verfasst und gepflegt, zeugen sie von der genuin japanischen Haltung, gestalterisch stets auf Sparsamkeit zu achten. Ihre Kürze, die mich nebenbei vor einem verbalen Ausufern bewahrt, wurzelt auch in der ursprünglichen Verbindung mit der Tuschemalerei. So mussten Motiv und Gedicht gemeinsam auf kleinstem Raum Platz finden, z.B. auf einer Bildrolle oder einem Fächer, womit die Brücke zu diesem Blog geschlagen ist, der in jedem Beitrag jeweils nur ein einzelnes Foto mit dem dazugehörigen Text vorsieht.

Wo das Tanka alle Bereiche des Lebens anspricht, findet das Haiku streng genommen seine Motive ausschließlich in der Natur in Verbindung mit einer Jahreszeit und vermeidet überdies jegliche subjektive Stimmung. Man verzeihe mir, dass ich diese traditionelle Spur immer wieder gern verlasse, um auch in (m)einem Haiku die mannigfaltigen Ansichten der Welt zu verdichten!

Erwähnt sei noch, dass in den deutschen Nachdichtungen japanischer Originale das jambische wie das trochäische Metrum auftaucht. Obwohl in beiden geübt, bevorzuge ich, seit ich Japanisch lerne, den Trochäus, da er meinem Hören nach der japanischen Betonung näherkommt.

Die übliche und berechtigte Frage „Warum jetzt dieser Blog?“ möchte ich abschließend mit einem Haiku aus meiner Feder wie folgt beantworten:

Schauend lausche ich,
schreibend spreche ich, aber
zeigend teile ich.


In diesem Sinne wünsche ich allen Besucherinnen und Besuchern dieser Seite offene Augen und Ohren!





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